Gott in der Wüste der Millionen
von Pfarrer Mirco Quint
Tokyo–Yokohama ist eine Stadt, die einen im Alltag schnell verschlucken kann. Wer hier morgens in die Bahn steigt, steht Schulter an Schulter mit Hunderten anderen, die alle irgendwohin müssen. Die Züge kommen im Minutentakt, und doch sind sie voll. Auf den Bahnsteigen blinkt und tönt es, und selbst die Rolltreppen scheinen schneller zu laufen als anderswo. Zwischen Konbini, Hochhäusern und endlosen Straßenkreuzungen entsteht eine Art Wüste, die man nicht sieht, aber spürt: eine Wüste der Millionen, die aus Tempo, Reizen und Erwartungen besteht.
Diese Wüste ist nicht lebensfeindlich, aber sie fordert heraus. Man kann sich in ihr verlieren, obwohl man ständig von Menschen umgeben ist. Man kann müde werden, obwohl die Stadt nie schläft. Und man kann sich fragen, wo in all dem Raum bleibt für das, was wirklich trägt. Das Evangelium des 1. Fastensonntags erzählt von Jesus, der in die Wüste geführt wird – an einen Ort, der äußerlich karg ist, aber innerlich klärend. Dort begegnet er Versuchungen, die seine Identität herausfordern: der Wunsch, alles im Griff zu haben; der Drang, sich beweisen zu müssen; die Sehnsucht nach Anerkennung. Wer in einer Großstadt lebt, erkennt diese Versuchungen wieder, nur in anderer Form. Sie begegnen uns im Druck, mitzuhalten. In der Erwartung, immer erreichbar zu sein. In der Angst, nicht zu genügen.
Und doch ist die Wüste im Evangelium kein Ort der Gottesferne. Sie ist der Ort, an dem Jesus neu hört: Du bist mein geliebtes Kind. Vielleicht gilt das auch für die Metropolen unserer Welt. Vielleicht spricht Gott gerade dort, wo wir es am wenigsten erwarten. In Tokyo kann das der Moment sein, wenn man im Gedränge der Yamanote-Linie kurz die Augen schließt und tief durchatmet. Oder wenn man auf dem Heimweg am Konbini vorbeigeht und für einen Augenblick den Duft von frisch gebrühtem Kaffee wahrnimmt. Oder wenn man zwischen zwei Hochhäusern ein Stück Himmel sieht, das überraschend blau ist. Solche Augenblicke gibt es überall – in Tokyo genauso wie in Gelsenkirchen, Berlin oder Wien. Sie sind klein, unscheinbar, aber sie öffnen einen Raum, in dem wir spüren können, dass wir nicht allein unterwegs sind.
Die Fastenzeit lädt ein, solche Momente bewusst zu suchen. Nicht als Flucht aus dem Alltag, sondern als kleine Unterbrechungen, die uns wieder mit uns selbst verbinden. Ein paar Minuten ohne Handy, während man auf den Bus wartet. Ein langsamerer Schritt auf dem Weg zur Arbeit. Ein stilles Gebet im Gedränge. Ein kurzer Gedanke an das, was wirklich zählt. Diese kleinen Inseln der Stille können zu Orten werden, an denen Gott uns berührt – mitten in der Wüste der Millionen, mitten in unserem eigenen Leben.

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Corinna Nelles (Sonntag, 22 Februar 2026 12:44)
Was für ein passender und unerwarteter Zusammenhang, der hier mit Gott und Momenten im Hier und im Jetzt in Tokio oder anderswo hergestellt wird. Gefällt mir gut und werde ich die letzten Tage in Tokio beherzigen…besonders, wenn es mal wieder eng in der Bahn wird oder der Linksverkehr auf vollen Gehwegen für Passanten nicht eingehalten wird. Hab die Regeln zu schätzen gelernt.
Maria Rie Shiikawa (Montag, 23 Februar 2026 03:47)
Guten Tag
Herzlichen Grüssen von Köln.